Schreck laß nach …
… dachten wir heute nachdem uns klar wurde, daß uns die Zeit wegläuft. Naja, wohl nicht so ganz, aber wir wollen unser Unternehmen zeitlich nicht überspannen oder gleich mit Streß anfangen, was bei der Segelei die erste Fehlerquelle ist.
Das ganze fing so an, daß es ein lausig kalter Tag war nach dem überraschend späten Wintereinbruch und wir mit dem Rad in den Vorort fuhren, um mit der Familie Ostern zu feiern. Also Völlerei wie gewöhnlich, wenig Bewegung wie gewöhnlich, mit Rad wieder nach Hause nicht wie gewöhnlich (ein Auto haben wir ja seit 2 Wochen nicht mehr), in die heiße Badewanne wie gewöhnlich (und weil wir bald für lange Zeit ja keine mehr haben) und beim Planschen kommen wir auf den Gedanken, trotz langer Planung nochmal nachzurechnen, bis wann wir die berüchtigte Biskaya hinter uns haben wollen. Wieder mal durch besorgte Gespräche mit der Familie vorher angezettelt. Dort wußte jemand taktvoll von einem Kantinengespräch mit einem Kollegen zu berichten, der einen kennt, der gehört hat, wie jemand ohne Wetterprognose ganz zufällig in schlechtes Wetter geriet, dann in einen Hafen wollte, dort rausgeschmissen wurde, weil er sich nicht schlau gemacht hatte, daß man sich dort anmelden soll, und schlußendlich aufgebrummt ist, weil er sich bei schlechtem Wetter nicht vom Land fernhielt. Und siehe da, gut daß wir daraufhin nochmal durch die Plaung gegangen sind. Jimmy Cornell empfiehlt spätestens Mitte August bis Ende September die Biskaya hinter sich zu haben. Am besten sogar bis Ende Juli, weil dann auch die Windrichtung besser ist.
Zugrunde gelegt haben wir 4 kn durchschnittliche Geschwindigkeit, meist gegen die vorherrschende Windrichtung im Kanal, probegerechnet gegen den Bericht der kürzlich kennengelernten Weltumsegler Anna und Burghard, die in 20 Tagen mit ihrer Van de Stadt 34 die 2000 sm von Holland nonstop zu den Kanaren gesegelt sind. Weil wir uns lieber an der Küste entlanghangeln wollen und nicht solange durch wirklich stressige Fahrwasser brausen und auch noch einen Puffer einbauen wollen, haben wir einfach diese Zeit nochmal verdoppelt und kommen auf 28 Tage für die Strecke von unserem Heimathafen Maasholm bis A Coruña, also dem ersten in Frage kommenden Hafen nach der Biskaya. Ja hoppla, dann haben wir ja gar nicht mehr soviel Zeit, um noch in diesem Jahr dahin zu kommen, wo die Sonne scheint.
Nach einem längeren Telefonat wegen Bücher- und Seekartentausch mit Christiane und Dieter, die seit 7 Jahren auf ihrem Boot leben (Patenonkel von unserer Lorbas) und zweieinhalb Jahre am Stück in der Biskaya herumgeschippert sind, löst sich die ganze Aufregung in Luft auf. Alle haarsträubenden Geschichten über die Biskaya stammen mal wieder von denen, die in einem Rutsch hindurchknallen, der Arbeit wegen, des kurzen Urlaubs wegen oder der Stammtischerzählerei wegen. Auch in einem Bericht der Zeitschrift Yacht von 1999 wird die Strecke bis zu den Kanaren als “Weltumseglers Vordiplom” betitelt, weil es danach nicht mehr schlimmer kommen könne. Ein Autor, der schon 50 mal Yachten dahin überführt hat und keine Zeit verschwendet, dem Wetter aus dem Weg zu gehen. Wir sind in die Falle getappt, weil alle Berichte, Revierführer und Streckenplaner eben genau diese Zielgruppe ansprechen, zu der wir aber gar nicht gehören. Konsequent und folgerichtig wird dabei immer geraten, so weit wie möglich nach Westen auf den Atlantik zu fahren, um sich von der Küste und dem Kontinentalschelf freizuhalten, der Wassertiefen von weniger als 50 m hat. Das hieße dann 200 Seemeilen weit und 2 Tage vom nächsten Land weg ohne die Möglichkeit, irgendwo anzuhalten, und genau für solche Klientel sind alle Ratschläge geschrieben. Die eigentliche Scheu löst aber wohl das erste Mal das Ausgesetztsein in der hohen Dünung im freien Atlantik aus, die viele Segler erschreckt, die zum ersten Mal dort sind. Dabei ist die größere Herausforderung bis dahin wohl überwunden, nämlich die engen Fahrwasser zwischen den Verkehrstrennungsgebieten mit Gezeitennavigation entlang der Seegatten der Nordseeinseln und weit herausreichender Sandbänke mit z. T. unbeleuchteten Tonnen, und das ganze überwiegend bei Gegenwind. Genau das wollen wir ja gar nicht sondern wir können uns ganz einfach zurücklehnen und auf besseres Wetter warten, zumal jede Menge nette Hafenstädtchen darauf warten, entdeckt zu werden.











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