Nordsee ist Mordsee?

Unser Absprunghafen über die Nordsee ist Thyboron, ein riesiger Fischereihafen, an dessen äußerstem Ende ein kleines Hafenbecken für Yachten ist. Man konnte Thyboron schon von weitem an den großen Schornsteinen erkennen. Der Hafen ist ein großer, hässlicher Industriehafen und auch die Stadt bietet nicht viel; trotzdem hatte dieser Hafen eine besondere Atmosphäre. Hinter der Hafenmauer brachen sich die Wellen der Nordsee an den weiten, langen Badestränden. Im Hafenbecken standen

die ersten Langfahrtschiffe und man bekam Fernweh. Jeden Tag brechen ein paar Yachten über die Nordsee auf und wir wollten endlich dabei sein. Nach 2 Tagen Pause heißt es auch für uns Aufbruch. Die nächsten 4 Tage werden wir kein Land zu Sicht bekommen. Man denkt an den Film „Nordsee ist Mordsee“ und einem wird gleich ganz anders. Es ist für mich das erste Mal, dass ich auf der Nordsee segele. Gezeiten und Strömungen sind Neuland für mich. Zeiten müssen genau abgepasst werden, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten. Mit gemischten Gefühlen gehe ich an die Überfahrt heran, mir ist etwas schlecht. Aber dann, wir sind aus der Hafenausfahrt raus, setzen das Großsegel, danach das Vorsegel, und die Abenteuerlust kommt wieder auf. Anfangs geht es sehr gut. Bei eher wenig Wind (2-3 Bft) machen wir gut 5 kn. Das reicht vollkommen und wir machen gut Strecke. Die See ist ruhig, kaum Seegang. Dann, plötzlich, schläft der Wind völlig ein. Spiegelglatte See, unsere Flagge hängt

traurig am Flaggenstock herunter und rührt sich kein bisschen. Das kann doch nicht sein! Ich hatte eine stürmische Nordsee im Kopf. Stattdessen bietet sich uns ein Bild einer spiegelglatten See, gespenstisch ruhig. Gut, besser als Starkwind. Thomas holt das Angelzeug heraus, um sein Glück bei den Fischen zu versuchen. Und, wer glaubt´s, nur nach ein paar Minuten ist schon die erste Makrele dran! Hurra, wenigstens das Abendessen ist gesichert. Eine Makrele, die köstlich schmeckt (fast so gut wie im Hirschgarten in München). Ein paar mehr oder weniger kleine Makrelen folgen noch, ganz nach der alten Redensart, da wo eine ist sind auch noch mehr. Die dickste zappelt sich noch in der Luft vom Haken und knallt auf unsere massive Reling. Danach um Haaresbreite wieder ins Wasser. Wird wohl überleben, wenn auch mit Kopf- und Zahnschmerzen. Am nächsten Tag weniger Glück. Spätnachmittags nur ein Fischlein aus tieferen Regionen, das von Thomas für einen Knurrhahn gehalten wird. Naja, geknurrt hat der kleine nicht und so wurde er wieder “beerdigt”, nachdem seine Brüder sich aus dem Staub gemacht hatten. Einfach zuwenig für eine Mahlzeit. Weit und breit noch immer kein Lüftchen zu spüren. Wir holen beide Segel ein und lassen uns einfach nur treiben – auf der Nordsee! Einfach belastend für die Segel, wenn sie ohne Wind in altem Schwell schlagen. Außerdem geht das ziemlcih an ddie Nerven. Seit Tagen ist uns kein einziges Schiff begegnet, nicht einmal ein Berufsschiff. Ist die Route so unbefahren??? Eher ein komisches Gefühl. Dann, wir hören Geräusche. Hinter uns motort ein Segler heran. Nicht zu glauben. Er fährt wohl in dieselbe Richtung wie wir. Nur, dass er schon früher den Motor angeschmissen hat. Auch wir wollen nicht mehr am Fleck rumdümpeln, noch dazu, da die Nacht bald anbricht und man auf der Nordsee nie weiss, wie sich das Wetter entwickelt. Also, Motor an und weiter geht’s Richtung Südwest. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, ist, dass es auch in den nächsten 2 Tagen keinen Wind geben und der Motor unser Begleiter für die windstillen Tage sein wird. Wie schrecklich!!! Aber die Sicherheit geht nun mal vor! Über spiegelglatte See motoren wir in die Nacht hinein und auch die nächsten 2 Tage gibt es keine Änderung. Gelegentliche Versuche, doch noch einmal die Segel zu setzen, scheitern kläglich. Vorbei geht es an gespenstisch wirkenden Ölplattformen, umhüllt von Nebel. Man darf nicht näher als 500 m an sie heranfahren. Über uns bringt ein Hubschrauber Asrbeiter auf die Plattform und dreht noch einmal eine Extrarunde über unserem Schiff. Sind wir zu nahe herangefahren? Dann dreht der Hubschrauber gen Land ab. Das muss schon ein besonderer Menschenschlag sein, der auf diesen Plattformen, weitab der Zivilisation, arbeitet, umgeben von der weiten, oft stürmischen Nordsee, Lärm und Dreck. Oder ist es vielleicht doch nur das gute Geld, das lockt??? Wir kommen unserem Ziel Great Yarmouth immer näher. 3 Tage sind wir nun schon unterwegs und sehnen uns nach einer heissen Dusche und einer Mütze voll Schlaf. Bis jetzt ist die Überquerung keine große Herausforderung, jedoch physisch und psychisch. Einige Male werden wir von Gewittern heim gesucht, und das auch noch in der Nacht! In einiger Entfernung helle Blitze am Himmel.
Auf dem Radarschirm werden die Fronten angezeigt. Manchmal gelingt es auch, aus der Front herauszufahren, aber wehe, man ist mittendrin! Rein theoretisch kann beim Gewitter nicht viel passieren. In unserem Stahlschiff sind wir genauso sicher wie in einem Auto. Das einzige, was kaputtgehen kann, sind die Geräte. Aber wenn man nachts über die Meere segelt und um einen herum die Blitze nur so aufblitzen, gefolgt von einem gruseligen Donnern, da wird einem schon ganz anders. Kurz vor unserem Ziel ein letztes Gewitter, Platzregen prasselt vom Himmel, vernebelt die Sicht. Wir konzentrieren uns auf unseren Radarschirm, auf dem wir jedoch auch nicht viel erkennen können. Rechts und links sehen wir Lichter, große Schiffe fahren an uns vorbei. Das Gewitter hält eine Weile an, es ist 4 Uhr morgens. Wir beide sind todmüde und erschöpft. Vor uns lichtet sich die Front, der Tag bricht allmählich heran, endlich lassen wir die Front hinter uns. Nur noch ein paar Seemeilen, und wir sehen die Hafeneinfahrt vor uns. Es ist noch etwas dämmrig, vor uns lauter Lichter, die Hafeneinfahrt ist kaum auszumachen, so viele Lichter sind vor uns. Der Hafen vor uns ist ein großer Industriehafen. Wir funken Port Control an und bitten um Einlass in den Hafen. Die Strömung ist sehr stark. Wenn man längere Zeit unterwegs ist, kann man die perfekte Zeit nicht immer abpassen. Wir sind etwas zu früh dran und die Strömung an der Hafeneinfahrt ist noch beträchtlich. Uns kommt ein Schlepper mit Volldampf entgegen, der gegen die Strömung ankämpft. Wir werden von der Strömung mitgerissen und in den Hafen geschleust. Überall nur Industrie, dicke Pötte an den Kaimauern. Die Leute sehen uns ganz verwundert an. Wahrscheinlich bekommen sie nicht jeden Tag Yachten zu Gesicht. Wir müssen noch 2 sm den Kanal entlang fahren, dann, vor einer Brücke, sollte eine gute Anlegemöglichkeit am Kai sein. Von guten Anlegemöglichkeiten ist weit und breit nichts zu sehen, nur eine hohe Kaimauer, an der man festmachen kann. Vor uns liegt nur eine vergammelte Yacht, sonst keine einzige. Wir sind total müde und wollen nicht mehr weiter fahren. Legen also an der Kaimauer mit riesigen Autoreifen an. Eigentlich wollen wir nur schlafen, das Schiff erst gar nicht verlassen. Die Gegend sieht nicht gerade sehr einladend aus. Dann unterhält sich Thomas mit zwei Engländern, die ihm von einem Strand und netten Restaurants erzählen. Wir ziehen also doch noch los und finden eine lebendige Stadt vor. Wohl eine sehr gute Einkaufsstadt. England ist billiger als wir dachten (abgesehen von den Liegeplatzgebühren, die bei € 20 und aufwärts liegen). Am Strand gibt es Amusement Parks mit vielen Restaurants. Das ganze Treiben erinnert uns an Mallorca.

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