Cast Away - Gestrandet in der Bretagne …
… sind nicht wir sondern eine junge englische Familie, aber heute ist unser großer Tag, Helden zu spielen und ihnen zu helfen.
Gestern ist es doch wieder spät geworden mit dem umständlichen Zuwasserlassen des Dinghys mit Motor, gutem Abendessen, einer Französischlektion, der Aufbereitung der ganzen
Bilder der letzten Zeit, Farbarbeiten von Claudia und mit kürzer werdenden Tagen auch früherer Dunkelheit, in
der wir das Schiff nicht im Tidenstom im Rivière La Penzé allein lassen wollen, nicht zuletzt aber auch, weil es echte Arbeit ist, unser schweres Festdinghy zu Wasser zu lassen. So sind wir gestern nach Ankunft im Mooringfeld nicht mehr von Bord gegangen.
Heute also sollen es endlich die aus der Ferne leuchtenden Strände der Ile Callot vor Carantec sein. Wir überlegen, ob wir die lange Strecke ganz mit dem Dinghy fahren oder nur kurz ans Ufer und durch Carantec bummeln.
Reeds sagt, daß man bis Ende August nicht am “head of the river” das Naturschutzgebiet betreten darf.
Ob das nun das Ufer hier vor Pointe de Lingos oder auch die davorliegenden Inseln sind, können wir nur raten. Auch wissen wir nicht, ob man von Carantec zur Ile Callot laufen kann und es ist eh gerade nicht Niedrigwasser. Also trauen wir uns, die 2 km über Dutzende Fischermarken zu motoren.
Im Slalom, nicht wissend, ob das die berüchtigten Lobster Pots oder Fischernetzte sind. Als wir ankommen, ist immer noch Wasser über der “Meerenge”. Es ist zwar keine Springzeit mehr, aber es hat immer noch 3,5 m Tidenhub. Jeder Gang zur Insel soll also gut überlegt sein, besonders vom Timing her.
Für uns und das Dinghy, das wir auf den Strand raufziehen, aber kein Problem. Sicherheitshalber schmeißen wir noch kurz einen kleinen Klappanker in den Sand, für den Fall, daß das Wasser noch mehr steigt. Nach Umrunden der ersten Bucht und Erklimmen der ersten Felsen erkennen wir, daß wir wie beim Schiff Esperanza nur auf einem vorgelagerten Inselchen sind und also noch einmal ein paar hundert Meter weiter herumfahren müssen. Lustig, aber etwas mühsam, wieder zurück zum Wassertaxi, um das Inselchen herum, wieder raufziehen und los gehts.
Claudia hat Sorge, ob die Frau, die sich offensichtlich aufgeregt nähert, uns von einem Naturschutzgebiet, von dem wir nichts wissen, oder ihrem Privatgrund verjagen will. Wir entscheiden uns, sie zu ignorieren und werden so auch in Ruhe gelassen. Wir denken, sie hat uns wohl deutsch reden gehört, dabei erfahren wir den wahren Grund ihrer Aufregung später. Wir umrunden und durchstreifen in Ruhe zu Fuß die ganze Insel, besuchen die Chapel Notre Dame aus dem 6 Jahrhundert, sammeln Muscheln, und pflücken die bisher sauersten Brombeeren der Reise. Die Feriensaison ist offensichtlich vorbei, denn wir sehen nur einsame kleine Strände und Buchten. Überall tolle Kulisse mit großen Felsen und Sand dazwischen mit der Aussicht auf die brisante Segelroute von gestern und den Nervenkitzel, der uns noch bei der Abreise droht.
Nach ein paar Stunden knurrt uns der Magen und wir entscheiden, bevor wir zum Schiff zurückkehren zum Einkaufen noch kurz rüber nach Carantec zu fahren, das beim Vorbeifahren eine einladende beschauliche “Seafront” bietet.
Als wir am Dinghy ankommen, hat es sich tatsächlich den Strand hochgearbeitet und der Anker liegt nun im Wasser statt auf dem Trockenen wie vorhin. Die Frau von vorhin erwartet uns schon mit ihrer ganzen Familie und es stellt sich heraus, daß sie bei Ebbe zu Fuß herübergewandert waren, mit zwei kleinen Kindern über die Insel gebummelt sind und vor unserer Ankunft durch die Flut überrascht wurden und nun ihr Rückweg bis zum Abend abgeschnitten wurde. Bis wir wieder von unserem Ausflug
zurückgekommen sind, sind sie von Einheimischen mit Snacks und Getränken versorgt worden. Sie fragen ziemlich verzweifelt, ob wir sie mitnehmen können und Claudia will freiwillig warten bis ich die ganze Familie rübergebracht habe. Erst schlage ich vor, bei dem kalten Wasser nicht beide Kinder gleichzeitig und nur einen Erwachenen mitzunehmen, dann versuchen wir aber, die ganze Familie auf unserem Beiboot unterzukriegen. Groß genug ist es ja eigentlich. Zum ersten Mal sind so 3 Erwachene und 2 Kinder im Dinghy, daß eigentlich größer ist als üblich auf ähnlichen Reisen und so sollte es ganz einfach und sicher sein. Nach ein paar Metern sagt ein Passagier, daß vorn Wasser reinkäme und zwar die ganze Zeit, nicht nur spritzend wie üblich wenn ich Gas gebe. Es ist der Schlitz für das Steckschwert, das wir nur hernehmen, wenn wir das Dinghy segeln. Die Öffnung liegt viel tiefer als die Bordwand und so viel Zuladung geht nicht. Also die halbe Familie raus und ich tuckere ganz langsam mit 
dem Vater und dem 3-jährigen Sohn, der nicht schwimmen kann, rüber nach Carantec. Auch dem Vater ist ganz mulmig und es ist nicht klar, wer sich da mehr an wen klammert. Gottseidank weder Welle, noch Wind oder Strömung. Vater und Sohn erreichen nach einer Weile wohlbehalten das rettende Ufer. Ich beeile mich, die anderen auch noch zu “retten” und dann passiert es. Beim Reinschieben des Dinghys ist es sehr lange ganz flach und flacher. Dann ein unter Tang versteckter Stein und ein häßliches Kratzen. Der Motor dreht hoch, aber nichts passiert. Zum Glück erinnere ich mich an meine Jolle von früher und weiß, daß das nur der Scherstift sein kann, der als Sollbruchstelle abgeschoren werden soll, um größeren Schaden von Schraube, Welle und Motor abzuhalten. Das kann aber nur mit Werkzeug
gerichtet werden, das wir nicht dabei haben. Also Motor abschrauben, die sicherheitshalber immer mitgenommenen Paddel raus und wieder rüber zum Rest der “Schiffbrüchigen”. Nach unbeholfenem Herumkurven durch die ganzen Mooringlieger in der Bucht sind auch alle eingesammelt. Auch Claudia paßt noch. Meinen heiklen Vorschlag, die schwerere Frau solle auf der vorderen Sitzbank das Gewicht der auf der hinteren Sitzbank sitzenden und das Motorgewicht ausgleichen während ich auf der mittleren ja rudern muß, entschärft die Engländerin diplomatisch und meint, zusammen mit ihrer
kleinen Tochter sei sie wohl die schwerste. Ist ja auch nicht die Zeit für Eitelkeiten. Die 5-jährige Tochter kann etwas schwimmen, aber das Wasser wäre zu kalt für ein Ungeschick. Hoffentlich geht alles gut. Wir versuchen beide etwas abzulenken aber die Mutter ist ganz cool und erzählt auf der Überfahrt von ihrem Lauftraining für einen Halbmarathon. Sie sind aus Cornwall und schon zum zweiten Urlaub hier. Der Ebbstrom ist noch spürbar und ich denke lieber nicht daran, was
passiert, wenn wir zwischen den Inselchen auf den Atlantik hinausgesaugt werden. So muß ich einfach eifriger paddeln und wir kommen unbeschadet am Ufer an, wo der Vater schon winkt und ruft. Er bietet später noch Geld an, aber wir wissen, daß wir selbst noch oft Hilfe annehmen müssen und es nie demjenigen dann vergelten können. Also haben wir ein prima Gefühl mit unserem mageren Konto der guten Taten und winken lachend ab. Eigentlich etwas übertrieben die ganze Aufregung, denn als wir nach einer Stunde aus dem Dorf kommen, ist die Passage zur Insel an anderer Stelle schon wieder trockenen Fußes machbar. So aber eine Geschichte für alle Beteiligten und spannend für die Kinder. Wir wollen uns lieber nicht vorstellen, was mit den
Kindern hätte passieren können. Aber so denkt man wohl nur hinterher. Außerdem waren alle Erwachsenen gute Schwimmer. Ich bin froh daß ich “nach Hause” komme, denn bei dem Motor”manöver” mußte ich ja bis zum Bauch ins Wasser und erst mal das Boot wieder an Land ziehen. Meine dicke Cordhose ist bei dem Motortheater bis zum Hosenboden naß geworden und ich laufe so schon eine Stunde pitschnaß herum. Durch das Mißgeschick mit dem Außenborder kommt Claudia zu ihrer heutigen Sportstunde, weil sie über eine Stunde gegen Strom und Wind den Fluß heraufrudern will. Sie will heute zum ersten Mal unseren Backofen ausprobieren und zaubert eine Ciche Improvisée, die auf Anhieb gelingt. Vielleicht behalten wir das Monstrum, mit dem wir auf Kriegsfuß stehen,
ja doch. Während es aus allen Luken duftet, finde ich auch hinter der Motorschraube den gebrochenen Scherstift und sogar noch unbenutzte Ersatzstifte in einer Halterung unter der Motorhaube, so daß ich den Außenborder wieder hinkriege. So habe ich mir auch Claudias tolles Essen heute verdient. Kurz bevor die Backofentür aufgeht, kurve ich noch mal eine Testfahrt und hieve mit dem Spifall und der Mastwinsch unser haßgeliebtes Beiboot schon mal an Deck, da es ja morgen weiter nach Westen geht. Beim Essen entscheiden wir uns, so bald wie möglich ein Schlauchboot zu kaufen. Normalelerweise sind Yachttaxi-Dinghys nicht besegelbar und haben keine Öffnung für ein Steckschwert wie unseres.
Piraten?
Unseren Vorteil erkaufen wir uns mit kleinerer Zuladung, also kein Grund mehr für
uns, Mast, Baum, Segel, Latten, Ruder und Schwert auf unserer Yacht spazierenzufahren. 90 % aller Yachties haben kleine Gummiboote, leicht robust, kippstabil und sie dengeln nicht mit Riesenknall an unsere Bordwand, wenn man bei Welle ein- und aussteigen muß. Man muß sie auch nicht abfendern und kompliziert anbändseln, wenn wieder Strom gegen Wind steht und können auch von einer Person allein zu Wasser gelassen werden. Unser Monstrum war ja schon an Bord als wir die Yacht gekauft haben und wir haben es damit versucht, wie von all den selbsternannten Segelgurus angeraten. Jetzt haben wir die Arbeit, all die Schrammen aus dem Schiffsrumpf wieder rauszukriegen. Gesegelt haben wir das Ding das letzte Mal in Deutschland und Mastenteile, Baum, Steckschwert und Ruder blockieren jetzt unsere riesigen Backskisten, die wir lieber für anderes hernehmen würden. Wir können so ein großes Beiboot mit über 60 kg ja eh nur unterbringen, weil wir ein großes Flushdeck haben, anders als andere Yachten, die nur ein Häuschen oben drauf haben, um daß man zwischen den Wanten hindurchturnt. Und wir waren so blöd, den ganzen Platz mit dem Riesendinghy zu verbraten. Zum Glück sind wir ja lernfähig. Hoffentlich werden wir unser jetziges Dinghy noch los. Die Saison ist ja zu Ende.
Ein rundum gelungener Tag mit etwas zuviel Aufregung und mal wieder was gelernt und geschafft. Der einzige Wermutstropfen ist, daß die Plackerei, das Dinghy an Bord zu kriegen und die Inbetriebnahme des Backofens so lange gedauert haben, daß ich mich nach Einbruch der Dunkelheit um die um uns herum an die spiegelglatte Oberfläche springenden großen Fische nicht mehr kümmern kann. Keine Ahnung, ob sie auf der Jagt sind oder von noch größeren gejagt werden. Aber heute gab es ja Ciche. Eine wunderschöne Gegend und noch oft sprechen wir davon, wie heilfroh wir sind, aus England weg zu sein.













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