Sal - Cabo Verde
Wir haben uns für Sal als Ansteuerung entschieden aus verschiedenen Gründen. Zum einen ist es der nächstliegende, wenn man in gerader Linie von den Kanaran kommt. Es ist einer von nur drei möglichen Einklarierungshäfen. Hier finden wir den Trans-Ocean-Stützpunktleiter Carlos, den wir ein bißchen ausfragen wollen, um unsere Planung innerhalb der Inseln zu verfeinern. Der zweite Einklarierungshafen, Praia auf dem südlichen Santiago macht keinen Sinn, wenn man von Norden kommt, weil man sich danach zu allen anderen Inseln gegen den hier z. Z. permanenten Nordostpassat ankreuzen müßte.
Für Mindelo auf Sao Vicente als dritte Einklarierungsmöglichkeit haben wir uns wegen der angeblich dort verbreiteten Kleinkriminalität noch nicht entschieden. Sao Vicente läge weit im Westen und wir müßten die hufeisenförmig gelegene Inselkette dann auch erst mal von West nach Ost gegen den NO-Passat abklappern, jedenfalls wenn wir mehrere Inseln besuchen wollen, anders als die meisten Segler, die hier nur kurz eine Verschnaufpause auf dem Weg in die Karibik einlegen und ansonsten alle anderen kapverdischen Inseln links liegen lassen. Also erst mal sehen was Carlos sagt.
Nach Ausarbeiten aller uns zur Verügung stehenden Informationen kommen uns alle Inseln irgendwie interessant vor, natürlich jede mit ihrer Eigenart. Nur zu Sal fällt niemandem etwas ein. Im meistverwendeten Cruising Guide von Anne Hammick heißt es nur „It is amongst the most developed of the Cape Verdes, with the archipelago’s largest airport … it is arguably the least attractive of all the islands, though there are some very fine beaches at Santa Maria in the extreme south, the focus of a growing tourist development.“. Also ähnlich wie Fuerteventura ein Sandhaufen für Pauschaltouristen, die außer Strand und Party nicht viel interessiert, von See auch zum verwechseln ähnlich. Auch sonst ist die geografische Verteilung der Kapverden ähnlich der Kanaren. Tendenziell kann man sagen, je weiter östlich, desto trockener und sandiger die Inseln. Für uns kommt
Palmeira auf Sal auch deshalb in Frage, weil man es zur Not auch nachts leicht ansteuern kann. Außerdem kann Claudia hier mal kurz zum Arzt, was auf den kleineren Inseln nicht möglich ist. Außerdem haben wir schon zu anderen Zielen immer schon viel gelesen und gehört und nie hat sich eine Empfehlung oder Warnung als gerechtfertigt herausgestellt. Einfach zu verschieden sind die Vorlieben und Erwartungen verschiedener Menschen. Man muß immer erst herauskriegen, was das für Leute sind, die etwas empfehlen und warum.
Offizielles
Am Morgen nach der Ankunft dann hat es einen satten Sechser und wir überlegen schon, ob wir nicht lieber warten wollen bis er abflaut. Aber wir wollen nicht schon die Behörden verärgern, bevor wir einen Fuß an Land gesetzt haben. Wir wählen mit dem Dinghy den Weg direkt gegen den Wind zum Strand. Nicht nur ist das der kürzeste Weg, sondern auch die Richtung, in der am wenigsten passieren kann, falls der Motor sich verschluckt und wir es nicht schaffen sollten, gegen den Wind anzupaddeln. Ein Schlauchboot ist viel langsamer und was viel schlimmer ist, auch viel windempfindlicher als ein festes Dinghy. So bräuchten wir uns nur kontrolliert zu LORBAS zurücktreiben zu lassen.
Später erfahren wir, das alle paar Jahre ein Fischerboot mit defektem Motor von den Kapverden in Brasilien landet, erst letztes Jahr 11 Fischer auf einem Boot wohlbehalten (aber nach strenger Diät). Regenwasser hatten sie in den Mallungen ja genug. Sicherheitshalber haben wir deshalb einen kleinen Klappanker mit langer Leine dabei und im Notfall könnten wir in 22 Grad warmem Wasser auch leicht „zu Fuß“ zurück zum Schiff. Sind ja auch nur 100 m und 4 m Wassertiefe. Später auf dem Rückweg haben wir den Choke auch zu lange draußen und prompt geht 30 Meter neben dem Schiff der Motor aus und wir haben jede Menge zu tun, um nicht vorbeizutreiben.
Und dabei ist dann der Wind schon viel schwächer als am Morgen. Wir also erst mal ins Dorf, um zu schauen wo man einklariert. Bei der Policia machen wir den Immigration-Kram. Der Uniformierte sitzt lässig vor einer brasilianischen Telenovela, drückt mit gebührendem Ernst die Stempel in unsere Pässe und akzeptiert 2 Euro Gebühr als Münzgeld. Um ihn herum ein halbes Dutzend schnatternder Damen. Familie oder Mittagspause der Freundinnen, wir haben nicht gefragt. Damit wäre Immigration erledigt. Echt lässig.
Dann kommt er mit uns raus und zeigt uns freundlich den Weg zur Capitania zum Einklarieren. Zwei Häuser weiter, im gleichen Haus wie die Dorfbibliothek. Wir irren durch alle Etagen, keine Spur wo die Herrschaften sind, wohl schon Mittagspause. Wir wissen noch nicht mal, ob wir richtig sind, weil keinerlei Anzeichen oder gar ein Schild auf die wichtigen Beamten hinweisen und alle Türen verschlossen sind. Später zeigt sich der Capitan sehr entgegenkommend mit dem Abreisetermin, je nach dem Ergebnis von Claudias Arztbesuch.
Linienverkehr mal anders
Also erst mal nach Espargos, wo Claudia kurz ins Hospital will, um eine unterwegs mit Antibiotika bekämpfte Entzündung checken zu lassen und wir noch mal ein Rezept zum Wiederauffüllen der Bordapotheke bekommen wollen. Keine Ahnung wie wir da hinkommen sollen. Gelesen haben wir von abenteuerlichen Aluguers, Pickups, bei denen man hinten auf der Ladefläche mitfahren können soll. Als wir auf der Main Street entlang bummeln, ruft uns aus einem Kleinbus ein Fahrer zu und schon sind wir auf dem Weg nach Espargos, einem in den letzen Jahren einwohnermäßig explodierten Städtchen.
Diese Kleinbusse fahren die ganze Zeit zwischen den Dörfchen und in den Dörfchen herum und gabeln jeden auf der mit will und der nicht mit will. Jedenfalls wird jeder, der irgendwie gerade nicht so aussieht als ob er zum Bäcker geht, und das tut fast jeder, angerufen, ob
er nach Espargos oder Palmeira will, je nach dem wo der Bus gerade hinfährt. Vorher hatten wir gefragt was es denn kosten soll und 1 Euro schien uns nicht teuer (ich muß mir immer noch die Münchner Preise abgewöhnen). Hinter uns sitzt ein älterer Mann, der vor sich hinsingt. Ich kratze unterwegs mein Kleingeld zusammen und frage den Fahrer ob der Preis für eine oder zwei Personen gelte. Irgendwie haben wir in dem Sprachkauderwelsch mit Hand und Fuß wohl verstanden, das jeder 1 Euro bezahlen soll. Später auf dem Rückweg fahren wir mit jemand anderem und wir geben ganz normal zwei Euro für uns beide. Kurz darauf kommt er hinter uns hergefahren und drückt uns die Hälfte davon wieder in die Hand, nachdem er von einem anderen (einheimischen) Passagier die Meinung gegeigt bekommen hatte. Es kostete nämlich nur 50 Cent pro Person. Die hätten uns nicht weh getan, aber es war eine klasse Geste von einem Einheimischen, der uns ja gar nicht kannte.
Dieser zweite Bus legte sich unterwegs mit dem Fahrer eines anderen Busses an, der die gleiche Strecke kurz vor ihm abgraste und ihm so die Passagiere wegsammelte. Alle diese Aluguer-Kleinbusse haben irgendwelches Gebaumel mit Saugnäpfen an der Windschutzscheibe und das Armaturenbrett mit bunten Tüchern, Decken, oder wie in unserem Fall, rotem Plüschfell ausgelegt. Der Fahrzeughimmel war zwar rausgerupft, aber unter dem nackten Blech befand sich ein DVD-Player, der ein Musikvideo abspielte. Welch ein Service. Der Halter des Players in dem gleichen roten Kunstleder wie die Sitze. Und damit durch wirklich holprige Straßen. Da kann die Münchner U-Bahn wahrlich nicht mithalten.
Medizinisches
Dann das Hospital in Espargos. Wir gehen in ein flaches Gebäude. Drinnen drei Schalter. Sieht aus, als ob man auch Briefmarken kaufen könnte. An einem Schalter steht ein junger Mann, für den ganz geflissentlich jede Menge Papierkram erledigt werden muß. Wir stehen in der Tür und nach und nach kommen immer mehr Patienten rein, drängen sich auch um den Schalter, und nach einer Viertelstunde verlieren wir in der Menschtraube den Überblick. Immer noch der gleiche Mann am Schalter mit seinen Formularen und kein Ende in Sicht du ein Dutzend Einheimische haben sich ganz unauffällig an Claudia vorbeigeschummelt.
Wir entscheiden uns, doch erst mal wieder nach Palmeira zurückzufahren und Carlos zu besuchen, den Trans-Ocean-Stützpunktleiter hier auf Sal. Vielleicht hat er einen besseren Vorschlag. Er empfiehlt uns dann, den Chefarzt des Hospitals zu besuchen, der sich kürzlich selbständig gemacht hat. Also am Nachmittag wieder nach Espargos. Seit dem Aussteigen aus dem Bus verfolgt uns taumelnd ein alter Hund, den wir nur deshalb nicht wegscheuchen, weil wir Sorge haben, daß er dann tot umfällt. Davon sehen wir hier viele, spindeldürr, struppig, manchmal schmutzig, oft krank, aber harmlos. Leider ist Montag und der Arzt ist nicht da.
Offizielles, zum zweiten Mal
Also wieder zurück nach Palmeira und wieder zur Capitania. Diesmal ist der Chef da, ziemlich unkompliziert, allerdings will er die Schiffspapiere im Original sehen. Auch er warnt uns vor Mindelo auf Sao Vicente und besonders vor Praia auf Santiago, relativiert das aber schon im nächsten Satz. Praia hat immerhin 100.000 Einwohner, bei der Größe natürlich auch ein Drogenproblem und entsprechenden Begleitumstände. Aber auch in Deutschland gibt es Straßenzüge, die man nachts besser nicht betritt. Ab jetzt müssen wir bis zum endgültigen Ausklarieren auf jeder Insel nur noch zur Policia. Auch die früher problematische Situation beim Ausklarieren hat sich entschärft. Wenn man die westlichen Inseln Fogo und Brava, die als die schönste der Kapverden gilt, anlaufen wollte, nachdem man in Praia auf Santiago ausklariert hatte, konnte man in Teufels Küche kommen. Anderes macht aber keinen Sinn, weil man nicht erst
nach Brava fährt, um dann gegen den hier doch recht starken Passat zu kreuzen.
Einige Segler haben es früher am Wochenende gemacht, wenn die Offiziellen nicht da sind oder einen technischen Schaden vorgetäuscht. In unserem etwas älteren Cruising Guide wird aber noch vor Geldbußen bis zu 30.000 Euro gewarnt. Hintergrund sind viele illegale Einwanderer aus dem Senegal und anderen westafrikanischen Staaten, die sich wie auf den Kanaren hier ein besseres Leben versprechen. Heute dürfen wir aber in Praia, Mindelo oder Sal ausklarieren und dennoch die westlichen Inseln besuchen, wenn wir dort die Policia besuchen, außer auf Fogo und Brava, da gibt´s noch nicht mal die.
Carlos und viele Infos über die Insel
Als wir am Morgen vom Hospital zurückkommen, fragen wir den Busfahrer ob er Carlos kennt. Dieser fragt einen älteren Herrn auf der Straße, der uns dann quer durchs Dorf zu Carlos führt. Wir erfahren viel über die Insel und daß die früher mal vorkommende Kleinkriminalität zurückgegangen ist, und daß wir unbesorgt unser Dinghy am Kai oder wie wir nun, direkt am Shell-Tanklager am Strand an den Baum binden können. Er hat uns schon am Vortag von seiner Dachterrasse aus gesehen und bemerkt, daß wir vergessen hatten, die Q-Flagge zu setzen. Ist ja auch das erste Mal, daß wir außerhalb Europas sind. Er meint, wir lägen zu weit außen und daß wir morgen üblen Schwell zu erwarten hätten. Wir haben aber schon im Internet den neuesten Wetterbericht und die Wellenentwicklung abgerufen. Wir können uns das im Moment noch gar nicht vorstellen. Wir erfahren auch, daß das Wrack, das uns beim ankern auf der Seekarte Respekt eingeflößt hat, gar nicht so genau an der Stelle liegt, wo es eingezeichnet ist. Er müßte das ja wissen, weil es ja sein 24 m langes eigenes Schiff gewesen sei.
Am nächsten Tag bringen wir die Baby-Kleidung von Claudias Schwester zu ihm, die er einer Sozialstation des hiesigen Fischervereins zukommen läßt, wo die Sachen sehr günstig verkauft werden. So erhalten junge Mütter etwas, für das sie noch ein bißchen bezahlen müssen und so keine Almosen erhalten und das Geld geht dann an den Verein, der so seinen Sozialprojekten nachgehen kann. Wir halten das für eine sehr gute Idee und finden es riesig toll, daß Claudias Schwester Sabrina dafür ein großes Herz hatte. Carlos (eigentlich Karl-Heinz aus Hamburg) hat sich hier niedergelassen und kennt fast jeden, wie wir später auf der Straße vor einem Lokal bei einem Glas Wein bei Hermina feststellen werden (das nur 50 Escudos kostet), die in der Saison deutscher TO-Stammtisch ist, zu dieser Zeit aber fast ausgestorben. Wir sind nach der deutschen Schrebergartenkolonie auf den Kanaren nicht böse darum. Unter anderen kommt noch ein Franzose dazu, der auch sein Schiff verloren hat, eine große Ketsch, dabei aber die besten Teile retten konnte und damit nun für ein paar Jahre lang ein neues Boot baut. Und das hier in Palmeira, Respekt! Auch der Franzose hatte uns schon ankern gesehen. Man fällt also hier noch auf. Jedenfalls in dieser Saison.
Wir sind zur Zeit die einzigen neuen. Alle anderen Boote sind lokale Fischer, Boote, von Leuten, die gerade nach Hause geflogen sind und wohl auch ein paar, die man hier „vergessen“ hat und die so vor sich hin gammeln. Während wir die doch bescheidene Dorfumgebung und das Leben auf der Straße auf uns wirken lassen, kommen ein paar Clowns um die Ecke. Es hört sich ungezogen an, aber wir hatten einen absolut dekadenten Eindruck von dem was wir da sahen. Zwei Quadfahrer, von Natur aus nicht eben leise, fahren mitten durchs Dorf, wo fast nur Farbige wohnen, die allesamt nicht reich sind. Und die (weißen) Quad-Fahrer sind organisierte Pauschaltouris aus dem Inselsüden. Ein Pärchen fährt auf ihrem Vierradmotorrad einem Guide hinterher. Carlos erklärt uns, das sei so seit vor einiger Zeit solche Leute über den Strand von Palmeira gebrettert seien und von allen 13 Seeschildkrötennestern kein einziges ausgelassen haben. Auch das von Jugendlichen auf dem erweiterten Strand angelegte Fußballfeld haben sie in wenigen Minuten komplett umgepfügt. Danach ist ein Quad-Fahrer unsanft aus dem Sattel gehoben worden und seitdem dürfen sie nur noch an der Leine unterwegs sein und artig einem Führer hinterherfahren. Immerhin wieder ein Job mehr für den Guide. Schon klasse, daß die Behörden da so sensibel und wachsam sind.
Wir erfahren auch noch, daß Palmeira sehr an die Wand gedrückt wird, seit Espargos so unkontrolliert wächst. Noch vor wenigen Jahren habe es nur wenige Straßenlaternen gegeben und nur zweimal die Woche hat man ein auf den größeren Nachbarinseln aufgenommes Fernsehprogramm auf Kassette gesendet. Hat man früher auf der Strasse bei Petroleumlaternen zusammengesessen und einfach ein paar Musikanten gerufen, so sind heute die Straßen ab 8 Uhr leergefegt und alle hocken vor dem Fernseher, genauso wie in Deutschland. Und hier werden wegen der gleichen Sprache gern die brasilianischen Telenovelas geschaut, deren Niveau sogar noch unter dem deutschen Seifenopernmist liegt. Naja, wenn das Fortschritt ist!
Carlos selbst ist 30 Jahre Rettungssanitäter gewesen und wird ab und zu mal zur die Militärstation gerufen. Sowenig wie es Nabelpflaster für Neugeborene gibt, sowenig haben die Soldaten Jod oder Pflaster für die Blasen, die sich die Soldaten bei ihren „Wanderungen“ zuziehen. Die jungen Leute, die ihren Militärdienst ableisten, könnten sich das von ihrem Monatssold von 1000 Escudos (100 Escudos = 1 Euro!) selbst sowieso nicht leisten. Davon müssen sie ja auch noch ihre Wäsche selbst waschen und Hygieneartikel kaufen. Und weil sie alle nicht auf ihrer Heimatinsel Dienst tun, wollen sie vielleicht auch noch mal zuhause anrufen. Später im Bus trinke ich einen Saft für 1,50 € und stelle mir vor, daß ich gerade Seife und Deo für einen Monat vertrinke oder mein Telefongeld für 6 Wochen. Auweia. Also, liebe Segler, wenn ihr Kontakte oder Beschaffungsquellen für Verbandsmaterial aller Art und anderes medizinisches Zeugs habt, nehmt so viel mit wie es geht, hier wird es wirklich gebraucht.
Wir wundern uns sowieso, wie die Menschen hier über die Runden kommen. Ein guter Maurer verdient 15 € am Tag entsprechend 300 € im Monat oder weniger als 2 € pro Stunde, also halb so viel wie in Deutschland viele Jugendliche Taschengeld erhalten. Eine Mutter, die den ganzen Tag in der Fischfabrik arbeitet, geht mit 4 € nach Hause. Daran werden wir denken, wenn wir die nächste Thunfischdose aufreißen. Und die Lebensmittelpreise im Supermarkt haben durchaus Münchner Niveau. Da bekommt das sprichwörtliche deutsche „Jammern auf hohem Niveau“ ein ganz konkretes Gesicht. Und das, wo die Kapverden zum Stolz der Regierung im „Quality-of-Life“-Index der Vereinten Nationen den ersten Platz Afrikas einnehmen. Bei dem Ranking bekleckert sich Deutschland ja auch nicht gerade mit Ruhm unter den westlichen Ländern.
Ankerliegen bei Starkwind
Abends stelle ich fest, daß unser Schiff trotz des starken Windes ganz ruhig liegt und das berüchtigte „Segeln am Anker“ (schwojen) sehr reduziert ist und das obwohl eine recht elastische Leine gegen das Einrucken in die Kette gehakt ist. Diese Leine vergrößert normalerweise den Schwojkreis und wir haben immer Sorge, dabei am Ankerplatz andere Yachten abzuräumen. Schwojen entsteht dadurch, das der Bug nie genau in die Windrichtung zeigt, und das die Seite, die mehr vom Wind
wegzeigt, noch mal weggedrückt wird weil ein Segelboot immer zuerst den Bug wegdreht. Solange bis die normalerweise durchhängende Ankerkette strammer wird und die Kräfte sich kompensieren. Dann wird der Bug wieder zurückgezogen und geht durch den Wind auf die andere Seite. Zusätzlich wird das Boot etwas nach vorne gezogen, weil ja die schwere Kette wieder nach unten will. Der Bug schwingt also in 8-Form quasi von rechts nach links und nach vorn und hinten. Besonders wir haben darunter zu leiden, weil wir mit 1,35 m ein sehr hohes Freibord haben. Das ist die Höhe zwischen Wasserspiegel und Deck, die eine ziemliche Windlast ist. Wir sind aber heute zum ersten Mal nach Installation des Geräteträgers und Windgenerators vor Anker. Das verschiebt den Top-und-Takel-„Segel“schwerpunkt nach hinten, ähnlich wie wenn eine Ketsch am Anker ein kleines Besansegel zeigt. Zufällig habe ich heute auch unser großes Ruder ganz zur Seite gedreht, um die Windfahnensteuerleinen auszutauschen. Das verschiebt den Unterwasser-Lateralplan nach vorn. Beides zusammen bewirkt, daß das
Schwojen reduziert wird und auch der Anker nicht so belastet wird. Wir schlafen ganz beruhigt auch bei Windstärke 6, weil der Wind ablandig kommt und noch keine Welle aufbauen kann. Von vielen unterschätzt, sind es die dynamischen Kräfte des Seegangs (Einrucken) und nicht die statischen Kräfte des Winddrucks, die den Anker herausreißen (abgesehen von Windrichtungs- und Strömungsänderungen). Obwohl wir noch mal etwas mehr Kette gesteckt haben und es mit ruckdämpfender Leine 40 m (weil die GPS-Antenne an der Heckreling sitzt eigentlich 50 m) bis zum Anker in 4.5 m Tiefe sind, kritzelt das Grafikdisplay auf dem GPS nur eine kleine schwarze Wolke von 8 m Durchmesser. Hat aber wohl auch damit zu tun, das der Passat hier keine 5 Grad Abweichung hat. Kommt konstant wie im Windkanal und ist wenig böig. Später auf Sao Nicolau hören wir, daß zu dem Zeitpunkt hier in Palmeira Windstärke 8 geherrscht haben solle mit abgedeckten Dächern. Wir haben nichts davon bemerkt.
Abends hieven wir mit dem Spi-Fall doch noch das Dinghy über die Reling weil es ziemlich einruckt und der Motor die Heckplatte dabei ziemlich belastet. Zum ersten Mal ein Lift mit angeschraubtem leichten 2,5-PS-Motor. Ging als Teamwork sogar bei dem starken Wind ganz gut. Am anderen Morgen fährt Claudia noch mal nach Espargos und ich will eine Fototour auf der anderen Seite der Bucht machen, wo es wilder aussieht und das Dorf im Gegenlicht steht. Im vorbeifahren und von Deck aus sieht es ja ganz leicht aus, wie heller Sandstrand. Als ich mit dem Dinghy dort ankommen, ist ziemlicher Schwell und die hellen Stellen sind Felsen mit tiefen Rillen. Kaum ein Fuß an den Boden zu kriegen und sowohl beim anlanden als auch beim wegfahren schmeißt es mich beinahe mit der ganzen Kameraausrüstung ins Salzwasser. Schön blöd. Da hätte ich genauso gut zu Fuß hingehen können.
Freundliche Menschen
Erst nach mehreren Tagen täglicher Besorgungen im Dorf werde ich freundlich gegrüßt, nachdem ich mir eine Schramme am Fuß zugezogen hatte, nun etwas hinkte und so eher dem kapverdischen Fortbewegungstempo angepaßt war. Bin trotzdem mehrmals mit langen Brettern auf der Schulter über den Dorfplatz geschlurft und habe mich für ein Foto mit besserer Perspektive in der Mitte der Straße in den Staub gesetzt. Ab da waren alle freundlich zu mir. Ich hoffe mal ich stifte nun nicht deutsche Segler an, daß zu imitieren, so wie seit Rollo Gebhard Deutsche in Panama immer mit Schraubschlüsseln und anderen Schlagwaffen gesichtet worden sein sollen.
Allerdings hat die Freundlichkeit auch ein Geschmäckle nachdem ein freundlicher Fischer in der Strandbar uns stolz sein neues Gebiß zeigte, daß er sich in Praia habe machen lassen. Wir haben erst sehr spät und nach dem zweiten Rum gemerkt, daß sein „Doschoirosch“ oder so was wohl „dos euros“ bedeuten sollte. Nach einem freundlichen und aber entschiedenen Nein war er innerhalb einer halben Sekunde verschwunden. Diese Erfahrung blieb dann auch die einzige menschliche Enttäuschung. Immerhin habe ich den eindringlichen Eindruck behalten, daß der Fischerberuf auf Cabo Verde immer noch harte Arbeit ist. Und er hatte noch nicht mal ein eigenes Boot sondern fährt immer bei anderen Fischern mit. Besonders betroffen hat uns gemacht, daß er uns vorher seinen Gesundheitspaß gezeigt hatte und wir darauf sein Alter sehen konnten. Demnach war er 5 Jahre jünger als ich, sah aber 20 Jahre älter aus. Das darf ich als recht uneitler Mensch gerade noch sagen, zumal uns das sehr zu denken gegeben hat. Fischer sein auf den Kapverden ist wohl auch heute noch kein Zuckerschlecken.
Eines nachmittags, die Runde bei Hermina wird immer größer, bietet mir ein anderer Segler zwei kleine Selftailing-Winschen an, die er von seiner Havarie übrig hat und nun nicht mehr braucht, will er sich ein neues Boot baut. Kaum zu glauben, genau, das was uns noch fehlt. Leider zu früh gefreut. Am nächsten Tag muß er zugeben, daß die Dinger im Zoll-Container sind, solange bis sein Verfahren abgeschlossen ist. Sein Boot ist nämlich nicht direkt abgesoffen, sondern gerade eben so am Strand, daß man alle Dinge von Wert noch abschrauben konnte. Das dumme war nur, daß am nächsten Morgen der Zoll mitgeholfen hat und die Dinge erst mal in Verwahrung genommen hat. Immerhin hat er den Kahn ja eingeführt und dafür muß man ja Steuern zahlen. Also Paß weg, Schiff weg, Sachen in Container, aber frohen Mutes beim Neubau. Er ist nur nicht im Knast, weil auf den Kapverden die Angehörigen für essen sorgen müssen und das geht ja bei Ausländern meist schlecht. Dafür also der Neubau!
Eines morgens, wir haben unser Dinghy kaum auf dem Strand, sehen wir einen Menschenauflauf am Hafenkai. Als wir dort ankommen, ist eine große Metzelei im Gange. Eines der Fischerboote war sehr erfolgreich und das ganze Dorf ist zusammengeströmt, um mitzunehmen was man tragen kann. Dafür werden aber die Fische, viele makrelen- und kleine thunfischartige, direkt am Hafen auf der Straße filetiert. Das ganze Dorf ist auf den Beinen, klein und groß, alt und jung. Ein richtig kleines blutiges Volksfest. Später sitzen wir in der Strandbar in der Nähe des Spektakels und es werden umsonst gegrillte Makrelen herumgereicht. Wir denken ein bißchen an Münchner Biergärten mit den Stöckerlfischen, finden es hier aber im Moment aufregender. Wir können keinen Fisch mitnehmen, aber ein Franzose hilft bei der Verhandlung mit einem Fischer und bringt sie uns ans Boot, während wir zum Baumarkt müssen.
Pauschal gereist werden
Die einzige andere nervige Erfahrung habe ich auf einer Fotosafari im Hafengelände gemacht. Nach unappetitlichem Herumstapfen (hier gibt es keine öffentlichen Toiletten) in verfallenen aber fotografisch interessanten Hafenecken. Dort spricht mich ein in afrikanischem (kapverden-untypischem) Gewand gekleideter Schwarzer freundlich an und schenkt mir ein Armband und noch eins und noch eins. Ich solle ihm dann nur eins abkaufen, damit seine Kinder etwas zu essen hätten. Gebe ihm deutlich zu verstehen, was ich von so einem dämlichen Touristentrick halte und bekomme nach der nächsten Ecke die Erklärung. Gleich mehrere Busse stehen vor der Kirche und schütten Pauschaltouris aus, die aus dem Inselsüden herangekarrt werden, um mal etwas authentisches Dorfleben zu sehen. Später hören wir, daß manche so doll informiert sind, daß sie es
glauben, wenn man ihnen einen dicken Stein als die letzte Menschenfresseropferstelle zeigt. Auf dürren blassen Beinchen unter grellbunten Hemden (so wie sie zuhause nie aus der Tür gehen würden) schleppen sie sich 30 Meter bis zur Hafenmauer und filmen von oben herab ein paar Einheimische bei der harten Arbeit. Zoom ran, zoom raus, Wackelschwenk hierhin, dorthin, und wieder ab in den Bus. Die afrikanischen Gewänder mit ihren Bauchläden vom Ballermannstrand verschwinden genauso schnell wieder zur nächsten Bushaltestelle. Ich war leider nur in der Nähe und mangels Pauschalurlauberfahrung diesem Geschnorre noch nie ausgesetzt und so hat mich wohl nur am meisten geärgert, für dazugehörig gehalten worden zu sein.
Im Sommer zur Hochsaison soll es dann keine Grenzen mehr geben und dann werden Kekse auf die Strasse geschmissen, nur um zu filmen, wie die einheimischen Kinder sich darum balgen. Naja, das ist wohl die kulturelle Spannung, solange eine „Destination“ noch nicht völlig von All-Inclusive kaputtgemacht worden ist. In der ganzen Zeit in Palmeira haben wir keinen einzigen Flugzeugurlauber gesehen, der in eine einheimische Bar oder ein Restaurant oder einen Supermarkt gegangen ist. Die sind völlig versorgt in ihrem Hotelbunker im Süden der Insel. Und weil der logistisch gut sortiert ist, fällt ab und zu mal etwas von den Überbeständen für die hiesigen Kleinsupermärkte ab. So haben die Einheimischen doch ein bißchen was davon, aber dabei bleibt es auch.
Zum ersten Mal Badeurlaub
Nachdem wir ausklariert haben dürfen wir noch bis zum nächsten Morgen dableiben. Bevor wir nach Sao Nicolau weiterfahren wollen wir noch ein oder zwei Tage Badeurlaub in schöner Umgebung machen und fahren in zwei Stunden südlich von Sal zur Baia da Mordeira. In Annie Hills Cruising Guide, der es auch sonst nicht so genau hält, ist von gutem Ankergrund mit schönen Schnorchelmöglichkeiten die Rede, was nach unserer Meinung ein Widerspruch ist, den wir auch bald bestätigt bekommen. Wir ankern nördlich des verzeichneten Stromkabels außerhalb des Sperrgebietes auf 5 m Tiefe einige hundert Meter vom Strand weg.
Weit und breit kein Gebäude zu sehen, nur eine Strandhütte aus der sehr laute Musik ertönt den der starke NE-Passat zu uns herüberträgt. Wohl Rückzugsgebiet einheimischer Jugendlicher. Im Süden der großen Bucht erkennt man eine Sharing-Investitionsruine, die aussieht wie Taubenverschläge. Ich beeile mich, in die Schnorchelsachen zu kommen bevor die Damenwelt fertig ist mit der Beinrasur. Die Kapverden sollen eine der dichtesten Haipopulationen weltweit haben und eine kleine Rasierschramme mag da Beißreflexe auslösen. Ich also rein ins Wasser, erschrecke über die kühlen Temperaturen, kurzer Blick nach unten, nur Sand, kurzer Ankercheck, ist bilderbuchmäßig eingegraben und die Kette liegt weit vor dem Anker immer noch am Boden, und wieder raus aus dem Wasser. Haie hab ich keine gesehen, auch kein anderes Fischlein. Der Schnorchelgrund aus Annie Hills Buch ist wohl ein paar Kilometer entfernt, wo vor der Steilküste sehr starke Strömungen sind.
Diese von (oft nur von einzelnen wenigen) Seglerstimmen zusammengetragenen Cruising-Guides-Sammelsurien ohne eigene Recherche gehen mir langsam ziemlich auf die Nerven. Auch das Anlanden gestaltet sich schwieriger als die liebe Annie das so schreibt. Die ganze Bucht ist im flachen Wasser viele hundert Meter vom Strand weg bis dicht unter der Wasseroberfläche voll mit sehr großen Steinen mit nur wenigen Sandpatches, die bis zum Strand reichen. Wir müssen also 1 Kilometer seitwärts fahren, wenn wir nicht riskieren wollen, die Schraube zu schreddern. Mit einem aufblasbaren Beiboot ein toller Spaß, wenn der Motor abschmiert, bei 6 Beaufort ablandig. Normalerweise ankern wir gern dort, wo wir direkt gegen den Wind auf kürzestem Weg an Land kommen. Dann aber ein schöner Strandnachmittag mit einigen einheimischen Familien und vielen Kindern. Wir schwimmen ein bißchen und unsere Schwimm- und Schnorchelbrillen sind ein Spaß für die Kleinen, die sich ungeniert aus dem Dinghy bedienen, hinterher aber auch alles artig wieder zurückbringen. Zwischendurch werden wir zu einer Rettungsaktion gebeten. Ein paar Jugendliche haben ihren teuren Lederfußball zu weit geschossen und er treibt nun schneller als sie schwimmen können Richtung Brasilien. Er ist mittlerweile weiter draußen als LORBAS aber wir können ihn wieder einfangen. Wir können uns kaum der Einladung zu einem Drink erwehren. Nette Jungs, die etwas englisch sprechen und denen zu Deutschland zuerst Klinsmann einfällt. Zum ersten Mal auf unserer Reise haben wir einen Badetag und das Gefühl, daß unsere Reise jetzt langsam so richtig anfängt.
Sal – Noch mal?
Für uns wohl nicht. Obwohl Carlos schon 15 Mal hier Urlaub gemacht hatte, um dann hier hängen zu bleiben, haben wir auch nach Nachfragen nicht verstehen können, was man an dieser Insel schön finden soll. Wir haben ein paar der wenigen Attrktionen wie eine kleine Saline ausgelassen und die bei uns sonst übliche Besteigung des nächsten Berges, hier eines nackten nackten Vulkans, um dann auf eine nackte Wüstengegend zu schauen, haben wir uns auch gespart. Wir sind uns immerhin sicher, daß unser ökologischer Fußabdruck kleiner ist der derjenigen, die nur für ein paar Sonnentage doppelt so weit fliegen wie die Kanaren. Außerdem lassen wir unser Geld im Dorf und nicht bei Neckermann. Einige überdenken ihre Konsumhaltung ja, sobald sie eigene Kinder haben, viele können aber wohl den auch hier einsetzenden Billigfliegern nicht widerstehen, zumal man mit deutscher Reiseleitung und all-inclusive jede Gefahr vermeiden kann, mit Einheimischen in Kontakt zu kommen. Geimpft durch Anne Hammicks Cruising Guide, die Sal als „least attractive among the islands“ bewertet, wollten wir der Insel erst Recht einen Sympathievorsprung geben. Dabei ist es aber auch geblieben. Karg, wüstig, teilweise vermüllt, eigentlich nichts, was uns wieder herzieht. Vielleicht sind wir aber auch noch verwöhnt durch die grünen Inseln Gomera und La Palma. Das wußten wir vorher und wir sind auf dem „logischen Weg“ hier hin, weil man hier als einem von nur drei Orten auf den Kapverden einklarieren kann. Das ging hier bisher nur, weil es hier lange den einzigen internationalen Flughafen gab. Da mußte man früher auch als Segler hin. Wie immer wenn man längere Zeit irgendwo ist und sich an schönes Klima oder tolle Gegend gewöhnt hat sind es die Menschen, die die Erinnerung prägen. Und die haben auf uns nicht viel mehr als einen recht lethargischen Eindruck gemacht. Als Souvenir nehmen wir fürchterlich zugerichtete Segel und Leinen mit. Teilweise kann man die Originalfarbe nicht mehr erkennen. Alles ist mit rotem Staub bedeckt, der im Wind auf der Zunge einen faden Geschmack hinterläßt aber wohl so fein ist, daß er nicht zwischen den Zähnen knirscht.
Immerhin, wir haben gelernt, wie anders die Uhren doch hier gehen, manchen Spiegel vorgehalten bekommen und unsere Erwartungshaltung für die anderen kapverdischen Inseln deutlich reduziert.







































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