Trip from Islas Canarias to Cabo Verde
Wieder einmal haben wir es nicht geschafft, den Tag vor dem Abfahrtstermin „arbeitsfrei“ zu halten, wie wir es uns vor längeren Überfahrten schon mehrfach vorgenommen hatten. Einfach zu viele Dinge waren noch zu tun. In diesem Fall waren angesichts des Abschieds von Europa und des nächsten Zieles in Afrika (wenn auch mitten im Atlantik) vorwiegend Papierkram zu erledigen. Kontocheck, ausklarieren, wenige Besorgungen und eine Menge, das wir nur über das Internet noch machen konnten, das wir wohl nun eine Weile nicht mehr haben. Zwei, drei Tage vorher haben wir den Abfahrtstermin festgelegt, auch mit Uhrzeit, damit wir noch ein paar Leute sehen konnten, die vorher keine Zeit hatten.
Bilderbuchwetterlage
Seit Tagen verfolgen wir die Großwetterlage und sind total begeistert. Das im Winter doch oft angegriffene Azorenhoch hat sich in den letzten Tagen zu Riesenausmaßen entwickelt und drängt alles, was von Neufundland nach Nordeuropa kommt, artig nach Norden ab. Und weil sich auf der nördlichen Hemisphäre Winde im Uhrzeigersinn aus dem Hoch herausbewegen, unterstützt es auch noch den schon stärker werdenden Nordostpassat, der uns von den Kanaren auf die Kapverden blasen soll. Das war vor wenigen Wochen noch nicht so.
Abschied
Freunde kommen schon am Tag vorher vorbei, weil sie Sorge haben, daß wir uns am nächsten Morgen vielleicht schon in der Morgendämmerung auf den Weg machen. Wir schauen noch kurz auf der MUPFEL von Paul und Selinda vorbei, einem Katamaran, der uns ganz neidisch werden läßt. Wir hatten die beiden kurz vorher bei Andis Grillparty kennengelernt. Paul und Celinda wollen eventuell auch Richtung Brasilien, aber vorher noch an Afrikas Westküste runter, nach Senegal und den Gambia-Fluss hinauf, wie viele Franzosen es tun, die es dort sprachlich leichter haben. Wir versprechen, sie auf dem laufenden zu halten.
Leinen los
Am Sonntagmorgen ist es dann soweit. Herz, Schmerz, Tränen und viele Umarmungen, lautes Getute von vielen Seiten und schon sind wir unterwegs. Viele werden es in dieser Saison nicht mehr, die noch abreisen. Vielleicht sind wir die letzten. Die, die noch hier bleiben, haben (oft unerfreuliche) persönliche Gründe dafür, wollen aber weiter, wenn diese wegfallen. Viele haben sich aber auch in die Insel und San Sebastian verliebt, sind schon länger hier und mittlerweile Dauerlieger im Hafen. Schon in der Nacht und am Morgen selbst hat es so gepfiffen wie noch nie seit wir hier sind. Würden wir unserer Wetteranalyse nicht trauen, wäre uns ganz schon mulmig zumute. Aber was da durch den Baranco herunter und über San Sebastian pfeift ist ein Lokalphänomen, aus dem man noch nicht mal auf die Windrichtung draußen schließen kann.
Bloß jetzt nicht mit viel Seitenwind noch irgendwo eine Schramme reinfahren. Gestern waren wir life dabei wie ein Nachbar bei viel Seitenwind nicht die Kurve kriegte und auf den Bug eines anderen Bootes getrieben ist, das ihm mit dem Anker ein Loch in sein Plastikboot gestoßen hat. Werner, der uns einige Metallarbeiten am Boot gemacht hat, ist auch tags zuvor ein Franzose hinten draufgeknallt und hat ihm die Windsteuerung demoliert. Wird ein paar Tausend Euro kosten. Der Franzose reicht ihm freundlich seine Versicherungskarte rüber und macht sich aus dem Staub. Jetzt kann Werner sich mit einer französischen Versicherung herumplagen. So eine Vorstellung wollen wir nicht bieten und schleichen uns durch das Tuten und Winken aus dem Hafen von San Sebastián. Auf den Kapverden werden wir später auch einige Mails von Gomera lesen können, in denen sich besorgte Nachbarn nach unserer Ankunft erkundigen.
Wetterinfos fern der Küste
Ein paar Tage vorher waren wir zum Abgleich unserer Wetterquellen noch bei den Iren Marian und Kevin, die schon ein paar Mal über den Atlantik sind und mit allen Schikanen ausgerüstet sind. Aber mehr als die Frequenzen von Herb Hilgenberg und Trudy, die in privater Eigeniniative den Atlantik per Kurzwelle abdecken und Seglern mit Wetterberatung zur Seite stehen, ist auch dabei nicht herausgekommen. Und für die Strecke, die wir vorhaben, gibt es noch weniger. Am Ende sind wir uns einig, daß wir mit NAVTEX, Areas II und V, und den Gribfiles, beides per Satellit, wann immer und von jedem Fleck der Erde wir wollen, wohl nichts besseres haben können. NAVTEX-Daten haben wir so auch da, wo die Langwellensender mit 490 und 518 kHz nicht
mehr empfangen werden. Und mit Winlink/Pactor/Kurzwelle die nur zu bestimmten Tageszeiten funktionieren, müssen wir uns auch nicht rumplagen. Außerdem erhalten wir so täglich die aktuelle Lage der ITCZ (Inner Tropical Convergence Zone), auch Doldrums, Mallungen oder Roßbreiten genannt. So können wir nach den Kapverden unterwegs täglich unsere Taktik anpassen und ad hoc den optimalen Längengrad für die spätere Äquatorüberquerung wählen. Später müssen wir auf die harte Tour lernen, daß mit den ITCZ-Koordinaten nicht die Mittellinie gemeint war, sondern die nördliche Grenze, und auch die hat einen gleitenden Übergang zwischen wenig Wind und Totalflaute. Segler auf der Südhalbkugel, z. B. auf dem mehr und mehr befahrenen Trip von Gambia nach Brasilien, können mit den ITCZ-Koordinaten von Meteo France demnach noch viel weniger anfangen.
Steuern ist keine Schinderei mehr
In dem Trubel haben wir vergessen, die neue Windsteuerungsumlenkung wieder zu verstrippen. Also das dann unterwegs und ist nach einer halben Stunde auch erledigt. Wir werden nie verstehen wie der Vorbesitzer zu dritt unterwegs war. Wenn die Windfahne steuerte, und das tut sie eigentlich immer, war das halbe Cockpit mit den Steuerleinen versperrt und man konnte sich noch nicht mal hinlegen, wenn man allein im Cockpit war. Da war der Platzgewinn durch das Fehlen einer Steuerradsäule dahin. Wir können nun die Pinne hochklappen und haben das ganze Cockpit für uns. Da könnten jetzt acht Leute sitzen ohne der Steuerung zu nahe zu kommen. In der ganzen nächsten Woche werden wir nicht mehr von Hand steuern, sondern nur alle paar Stunden mal die Windfahne zupfen. Weil der Wind genau in die Richtung weht, in die wir wollen und wir deshalb ohne Passatsegel und deren gefährlichen Bäume vor dem Wind kreuzen müssen, bestimmen wir die Zielrichtung einfach mit mehr oder weniger langen Kreuzschlägen vor dem Wind.
Ab nach Süden
Im Windschatten von Gomera müssen wir dann erstmal mit dem Motor zwei Stunden den Wind „suchen“. Nach einer Weile sehen wir in Richtung Teneriffa weiße Schaumkronen, während es bei uns fast spiegelglatt ist. Also schnell darauf zu. Ist dann zwar nicht die optimale Richtung, aber wir können den Motor ab hier für eine ganze Woche ausschalten und uns erst mal aus den Turbulenzen der großen kanarischen Inseln heraustasten. Noch bis zum frühen anderen Morgen immer wieder Flautenfelder im Windschatten der großen Inseln. Das kann ja heiter werden. Noch in der Nacht entscheiden wir uns, doch nicht El Hierro anzulaufen, was als Alternative geplant war, falls uns die Seekrankheit zu sehr zu schaffen gemacht hätte.
Nightlife
In der ersten Nacht schon sehen wir kein einziges Schiff mehr außer der Fähre von El Hierro nach Teneriffa. Ein einziger UKW-Ruf und sonst Totenstille am Funkgerät. Leider habe ich in der Nacht vor der Abfahrt kaum geschlafen, weil ich bis morgens früh noch Papierkram erledigt habe. Ist eine schlechte Ausgangsbasis um Seekrankheit zu vermeiden. Dieses Mal erwischt es uns beide etwas. Wir waren einfach schon zu lange wieder an Land und sind den phantastischen Wind von hinten mit 4 - 5 m Welle gar nicht mehr gewöhnt.
Zur Ablenkung kurven nachts wieder unsere Freunde, die „Leuchtdelphine“, rasend schnell um LORBAS herum und hinterlassen 20 m lange fluoreszierende verflochtene Streifen. Ein tolles Ballet. Wenn man dann sieht, welche Haken sie dabei schlagen, glaubt man nicht, daß ein gejagter Fisch eine Chance hat. Die Nächte sind recht lang und da sind alle modernen Mittel recht, sie zu verkürzen. So haben wir 2.000 CD-Alben und Audio-Books als MP3 dabei und unsere iPods öfter in Gebrauch. Auch Filme als MPEGs werden gern unter Seglern getauscht. Erst am dritten Tag können wir nachts lesen, ohne seekrank zu werden.
Ich höre abends manchmal Deutsche Welle und andere Sender auf Kurzwelle. Dabei muß ich lernen daß die Chinesen mittlerweile jede zweite Frequenz belegen in den Sprachen aller Herren Länder. Am letzten Tag empfangen wir endlich Intermar, den maritimen Ableger der deutschen Amateurfunker, allerdings sehr schwach und bei unserem Weltempfänger läuft immer der Oszillator weg. Ist halt nicht temperaturstabilisiert wie die guten Amateurfunk-Geräte, die wir uns bis jetzt nicht antun wollten. Dabei finde ich endlich den Übeltäter, der die Störungen in der Kurzwelle verursacht: unser stationäres Furuno-GPS strahlt im Sekundenrhythmus eine üble Störung ab, die den Kurzwellenempfang unmöglich macht. Also solange ausschalten. Verstehen kann ich das aber nicht, weil der GPS auch nur ein Empfänger ist und eigentlich gar nicht senden soll und der Oszillator sollte eigentlich gut abgeschirmt sein. Herb Hilgenberg haben wir immer noch nicht empfangen wie von SY Jilliana empfohlen, ist wohl noch zu weit weg. Eigentlich auch logisch, fahren wir doch nach Süden, immer weit von den Amis weg und somit war der Tipp gut gemeint, aber mehr auch nicht. Wir haben Herb dann auch nie wieder gehört.
Vor dem Wind ganz einfach
Ab dem zweiten Tag auf See dann phantastisches Passatsegeln. Die Vorhersage stimmt ganz genau (ist ja auch leicht für den Passat) und wir werden bis zum letzten Tag keine Flaute mehr erleben. Je weiter südlich wir kommen, desto weniger Wind soll es dann haben. Allerdings haben wir uns eine Taktik überlegt wie wir ohne Spibaum oder Passatsegel nicht direkt vor dem Wind segeln, weil dann das Vorsegel einfällt, knallt und furchtbar leidet. Wir können 25° abweichen und dann das Vorsegel ganz stabil halten, was für einen Amwindkurs ein traumhafter Wendewinkel wäre. Frei nach Pythagoras verlieren wir so maximal 10 % Geschwindigkeit, aber nur zeichnerisch, weil wir weniger „eiern“ und rollen. Ich bilde mir ein, daß auch die Geschwindigkeit auf dem etwas falschen Kurs etwas höher ist, so daß wir nicht viel Einbußen haben. Dafür müssen wir uns aber auch nicht mit den „Widow Makern“ herumschlagen, wie die Engländer die Vorsegelbäume zu Recht nennen. Außerdem liegt das Boot so mehr auf einer Seite und rollt nicht so wild herum, so daß man sich unter Deck an eine Seite des Bettes legen kann um ruhiger zu liegen. Und wir können ganz bequem und allein das Rollsegel aus dem Cockpit reffen wenn es mal sein
muß. Mit dieser Taktik hat man aber zwei Möglichkeiten, nämlich rechts oder links des Idealkurses. Wir entscheiden uns „vor dem Wind zu kreuzen“ wie es bei Katamaranen ja auch üblich ist. Wir sehen, daß die Grib Files mal wieder richtig liegen, wie sie es auf offener See meist sind. So sehen wir, daß die östlichen Schläge mehr Wind haben als die westlichen und wir entscheiden uns für ein XTE (Cross Track Error) bis zu 40 sm, näher an der afrikanischen Küste. Ein deutlich spürbarer Unterschied von 2 kn. Außerdem hilft natürlich der Kanarenstrom etwas mit mindestens 0,5 kn. Am zweiten Tag haben wir gleich überall um uns herum weiße Schaumkronen und freuen uns, daß wir nach Süden fliegen, jedenfalls für die bescheidenen Verhältnisse unserer schweren LORBAS.
Power genug
Das NAVTEX arbeitet wieder. Nach der Antennenreparatur in Gomera konnten wir es nicht testen, weil wir dort unterm Kliff keinen Empfang hatten. Der Windgenerator bringt ab 4 Beaufort auch bei achterlichem Wind immerhin soviel, daß der Kühlschrank laufen kann und den halben Tag ein PC. Die Shunts haben sogar zu tun, den überflüssigen Strom zu verbraten. Ein Grund ist auch, daß wir die größten Verbraucher (außer den Kühlschrank) in Energiesparversionen getauscht haben. Navigationslampen und die Innenbeleuchtung sind auf LED umgestellt, die nur ein Zehntel des Stroms der alten Birnen fressen. Früher mußten Segler lange Strecken regelwidrig ohne Navi-Lichter fahren, weil es einfach nicht anders ging, wenn man die Batterien nicht leerquetschen oder dauernd die Maschine anschmeißen wollte.
Dazu muß man wissen, daß die Service-Batterien heutzutage die zehnfache Kapazität einer Autobatterie besitzen. Und das auch nur nominell, denn Autobatterien sind nur fürs starten und die Abgabe sehr hoher Ströme in kurzer Zeit gedacht. Die darf man nie leerfahren, nicht mal zu kleinem Teil. LORBAS hat z. Z. nur eine bescheidene Batteriebank von 330 Ah, dafür aber ein cleveres Energiemanagement, so daß wir oft unsere PCs laufen lassen können. Zum Starten dient heute eine separate Batterie, damit immer Strom zum Starten des Motors und zum Wiederaufladen der Servicebatterie da ist. Also bis zu den Kapverden schwelgen wir im Energieüberfluß und der Kühlschrank kann auch die meiste Zeit laufen.
Nicht ganz allein
Was wir schon seit der Planung schade finden, ist, das wir die Nächte fast im Finsteren fahren weil Mondaufgang in dieser Woche erst am frühen Morgen ist und dann auch nur strichdünn weil Neumond ist. Unser Nachtwachenrhythmus ist noch nicht eingespielt, sondern die Freiwache kann so lange schlafen bis die Nachtwache müde ist. So liegt dann keiner im Bett, der eigentlich nicht schlafen kann. Das kommt uns auch mehr entgegen als eine starre Regelung, weil ich eh ein Nachtschwärmer und Morgenmuffel bin und Claudia eher ein Early Bird. Bei der Nachtwache hilft, daß wir endlich die Intervalluhr gefunden haben, die je nach Sichtverhältnissen alle 15 oder 20 Minuten piepst und die Nachtwache an Deck schickt für einen Rundumausguck. 15 Minuten reichen, um einen Dampfer, der mit 20 Knoten dahindonnert, in 5 Seemeilen erkennen zu können. Allerdings werden wir in der ganzen Woche nur ein einziges Schiff sehen, daß zu uns parallel aber entgegengesetzt fährt und per Radar auf 3,8 sm (6,5 km) kleinste Entfernung gemessen wird. Aber wir sind ganz alert, weil im UKW eine Menge los ist. Die Funkdisziplin hält sich zwar in Grenzen („Motherfuc…“, „Son of a bi…“, lange Handyklingeltöne und russische Hitparade), die häufigen Rufe zeigen aber doch, daß wir nicht alleine sind. Erst in der letzten Nacht kurz vor den Kapverden wird es wieder still, weil der Dampfertrack wohl jetzt weiter weg ist. Dafür sehen wir am letzten Tag noch einen Kondensstreifen am Himmel, der genau in unserer Richtung liegt, wohl ein Urlaubsflieger zu den Kapverden oder Rio de Janeiro das in Luftlinie dahinter liegt.
Am zweiten Tag sehen wir eine Drifterboje, die von einigen Forschungsprojekten den Ozeanen übergeben werden, damit sie Meeresdaten sammeln. Aluminiumzylinder mit rundem Kopf und Antenne drauf. Ziemlich groß und ein Plastikboot hätte wohl Probleme da mit 8 Knoten draufzudengeln.
Schlaffis und Schlemmer
Wir müssen unbedingt fitter werden. In den letzten ja ungeplanten Wochen auf Gomera haben wir nur Besorgungen gemacht und am Schiff gearbeitet, weil das ja immer schwerer wird, je weiter wir nach Süden kommen. Dabei ist der Sport ziemlich auf der Strecke geblieben. Nur ich bin öfter etwas gelaufen aber Claudia hat ein Problem mit der Achillesferse und ohne Sport sind wir beide ziemlich unausgeglichen. Hätten wir gewußt, daß wir bei unserem zweiten Gomera-Besuch wieder fast 4 Wochen bleiben, hätten wir im Club Nautico noch mal eine Monatskarte für den Pool gekauft. Wir glauben zudem, daß Sport sehr gegen Seekrankheit hilft. Zumindest sehen wir aus Erfahrung, daß es meist die unsportlichen, Raucher und Leute trifft, die öfter mal tief ins Glas schauen (überwiegend, es gibt auch schwer seekranke, die ansonsten topfit sind, aber doch nicht so oft). Alles trifft für uns normalerweise nicht zu, aber Sport fehlt uns doch sehr. Wir wundern uns, daß wir die meiste Zeit doch einen Fleece-Pulli tragen, nachts sowieso, weil auch tagsüber das Nichtstun im Cockpit bei permanentem Wind und 20°C auf Dauer recht kühl ist. Dieses Mal brauchen wir lange, um uns an den Vormwindgeigenkurs zu
gewöhnen. Zum Glück kann ich jeden Tag etwas kochen, auch wenn ich dabei rechte Kunststücke vollbringen muß, wenn Kartoffeln und Möhren beim Schälen durch die Gegend springen. Wenn man am Wind immer auf einer Backe segelt, bleibt ja wenigstens alles in einer Ecke liegen und man kann es sich so eintrichten, daß man ein Essen fertig kriegt. Wenn man aber “downwind” imer von rechts nach links geschmissen wird, kann man nur in der Spüle oder auf dem kardanisch aufgehängten Herd was an einer Stelle liegen lassen.
Rumms
In einer etwas unruhigen Nacht gibt es einen lauten dumpfen Knall an Deck und wir befürchten das schlimmste: irgendwas mit dem Rigg. Zum Glück nicht. Nachdem wir die Salingleuchte angemacht haben sehen wir, wie die eine der beiden Rettungsinseln übers Deck hin und her donnert, weil sich die mit Leinen gemachte Befestigung gelockert hatte. Überkommende Wellen hatten die Befestigungsleinen naß und damit etwas länger gemacht. Nur unser Relingsnetz bewahrt sie vor dem Überbordspringen.
Weil es bei dem Seegang in der Dunkelheit zu schwierig (und auch rutschig naß) erschien, haben wir das 30 kg schwere Monstrum kurzer Hand in die Plicht geschleppt und erst am nächsten Tag wieder verzurrt. Ziemlich blöde, das an dem glatten Biest kein Griff dran ist. Fast so wie wenn man ein Riesenstück Seife befestigen wollte. Im Notfall soll man sie einfach über Bord schmeißen, sagen sie. Ist bei unserer festen fast 80 cm hohen Reling leichter gesagt als getan, wie eine schwere Waschmaschine, die ja auch meist keine Griffe hat.
In der letzten Nacht frischt es noch einmal richtig auf bis auf einen satten Sechser und wir machen eine Weile nur mit gerefftem Vorsegel konstant über 7 Knoten. Das ist uns für unsere alte Dame etwas zuviel, weil wir Sorgen haben, daß LORBAS sich in den höher werdenden Wellen zu sehr auf die Seite legt, dabei zu sehr anluvt und dann vor einer steileren Welle quer geht. Also reffen wir etwas, sind nicht viel langsamer, werden aber nicht mehr so auf die Backe gelegt. Trotzdem bekommen wir noch mehrere kleine Brecher auf die Seite, die uns ziemlich herumschubsen und es auf der Seite recht krachen lassen. Wir nehmen uns vor, noch auf den Kapverden schnell anzubringende Schalbretter für den Notfall zu besorgen, falls uns doch mal eins der kleinen Fenster eingeschlagen wird. Wir achten darauf, nicht zu langsam zu werden, weil wir mit der aktuellen Geschwindigkeit gute Chancen haben, am nächsten Tag noch vor Einbruch der Dunkelheit unser Ziel zu erreichen.
Auch bei rauherem Seegang ist es recht leise im Schiff, weil Claudia alle Vorräte prima verstaut hatte. So können einem z.B. hin und her rutschende Konserven, Geschirr, Flaschen oder Gläser den letzten Nerv rauben.
Alle sind weg
Wir sind überrascht wie wenig Tiere wir sehen, Wale gar keine, Vögel nur wenige sehr elegante große Wellensegler und nur nachts Delphine. Für einen Tag haben wir eine junge graue Taube als Mitfahrer. Sie ist sehr scheu und mag nicht photographiert werden. Dann fliegt sie Kreise ums Boot bis sie merkt, daß 400 km im Umkreis kein Land ist und wir das kleinere Übel sind. Bis in die Nacht sitzt sie dann unter dem Genuaunterliek auf der Reling und balanciert.
Ich streue ein paar alte Brotkrumen durch die Vorderluke aber sie hätte eh keine Chance sich da hinzusetzen bei dem Seegang. Am Morgen ist sie dann verschwunden. Hoffentlich ist sie klüger und hat sich einen Tanker nach Norden ausgesucht, wenn sie denn ein Zugvogelheimkehrer ist. Meine Fischereiversuche sind bescheiden. Finde nur eines morgens ein Stückchen rosa Fleisch am Haken. Entweder hat er sich wieder losgerissen oder ist in der Zwischenzeit von Haien abgekaut worden. Die sollen so was ja machen. Beim Schnureinholen bin ich recht vorsichtig weil wir doch viele Portugiesische Galeeren gesehen haben, deren brennende Fäden gerne an der Schur kleben bleiben sollen. Claudia ist aus dem Häuschen als sie Schwärme von fliegenden Fischen sieht, die vor ihren Häschern und oft auch vor uns davonfliegen und sogar noch in der Luft Haken schlagen
Ankunft
Wenigstens jeden zweiten Tag holen wir uns per Satellit die aktuelle Wettervorhersage. Aber jedesmal nichts Neues beim Wetter und konstante Verhältnisse. NAVTEX Sao Vicente meldet am Tag unserer Ankunft um 0700 UTC„Man over board from fishing vessel still missing“. Wir checken schnell die Seekarte und sehen, daß das 150 sm weit weg ist, wir also wenig helfen können, zumal Wind und Strömung den armen Kerl noch von uns wegtreiben. Außerdem sind bestimmt alle Fischer auf den Beinen und Booten, um ihn zu suchen, weil es auf den Kapverden ja keinen organisierten Rettungsdienst gibt.
1245 UTC, 17°05.0N 22°59.17W: Claudia ruft rauf und fragt, ob ich schon was sähe. Ich schaue von meinem Buch hoch und kann es kaum glauben. Tatsächlich, ein Bilderbuchvulkankegel backbord voraus im Dunst. Dann ist er wieder weg. Einfach zu wenig Kontrast im Dunst und ich sehe plötzlich überall Berge.
Als Claudia raufkommt kann sie mir den Monte Grande aber genau dort zeigen wo sie ihn unten auf dem Radar gesehen hat und ich finde ihn wieder. Laut Seekarte sind wir noch 14 sm (25 km) weit von der Küste weg. Das ist viel besser als wenn der afrikanische Staubwind Harmattan weht, der das Land oft erst sichtbar werden läßt, wenn man die Brandung schon hört. Bei 4 kn noch über 4 Stunden bis wir da sind, aber es ist schon klar, daß wir bei Tageslicht den Anker fallen lassen werden. Um 17:00 Uhr fällt der Anker in der Bucht von Palmeira auf Sal. Wir haben genau eine Woche und ein paar Stunden von den Kanaren bis hierher gebraucht. Gar nicht schlecht für unsere dicke und etwas langsame LORBAS.
Laute Musik tönt vom Strand herüber wo die Sonntags-Dorfdisko schon im Gange ist. Duft von gegrilltem Fisch zieht herüber und wir werden später erfahren, daß zur Zeit Kinderdisko ist und später erst die Großen drankommen. Das aber dann die ganze Nacht. Heute gehen wir nicht mehr von Bord, sondern schlafen erst mal lange aus bevor wir morgen den ganzen Papierkram fürs Einklarieren zu erledigen haben.
Alles in allem ein wunderbarer Segeltörn, bei dem wir eine Woche lang nicht von Hand gesteuert, nur ein paar Mal gerefft und sonst nur die Genua mit 100 %gefahren haben. Wir sind nur viermal beim Vormwindkreuzen auf den anderen Bug gegangen (also weniger als einmal pro Tag) und hatten so viel Zeit für andere Dinge als Segeln. Nicht immer hat die Sonne gebrannt und wir hatten keinen einzigen Regentropfen. Aber wir wissen ja jetzt auch noch nicht, wie sehr wir ihn bald vermissen und herbeisehnen werden.



































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